Freund & Reiter - Begleitung bei Veränderung

Kreativ-Methoden


Wilfried Reiter in Trojanisches Marketing (2008)

Hrsg. R. Anlanger & W.A. Engel

Was leisten Kreativitätstechniken?

Als ich vor ca. 30 Jahren das erste Mal von Kreativitätstechniken hörte, war ich spontan begeistert. Gab es doch nun etwas, dass das wertvolle Gut der Kreativität steigern konnte. Ich fühlte mich entlastet. Ich stellte mir damals vor, dass die Methoden quasi die Kreativität verstärken würden. Doch wer glaubt, Techniken würden Kreativität verstärken, vergleicht mentale Kraft mit körperlicher Kraft, quasi im Sinne eines „Denkmuskels“. Dies ist unpassende Annahme. Ich habe hinzugelernt und möchte Ihnen ein anderes gedankliches Modell anbieten, welches mehr den mentalen Gegebenheiten entspricht. Ein Modell, das nebenbei auch viel besser zum Grundgedanken von „Trojanischem Marketing“ passt. Es ist vielmehr so, dass unsere Kreativität vermutlich unbegrenzt ist. Wir verarbeiten in jeder Sekunde Millionen von Informationen, verknüpfen sie, finden neue Zusammenhänge und Erkenntnisse, generieren unzählige Ideen.

Für unser tägliches Handeln, Gestalten und Entscheiden ist unsere Kreativität nicht zu gering, sondern vielmehr zu groß. Damit wir nicht handlungsunfähig werden, sorgen Filter, genauer gesagt Auswahlmechanismen dafür, dass die situationsadäquaten Ideen herausgefiltert werden und zur Anwendung kommen. Hierbei handelt es sich um einen höchst ökonomischen Prozess, einen mentalökonomischen Prozess sozusagen. Mit der Zeit entstehen so Denkgewohnheiten welche uns für viele Fragestellungen schnelles und wirksames Denken und Handeln erlauben. Kurz gesagt, gehen wir also davon aus, dass wir unbegrenzte Kreativität besitzen und zusätzlich Mittel, die Ihnen erlauben, mit dieser mentalen Power umzugehen.

Nun gibt es allerdings auch Situationen, in denen die Wirkung der begrenzenden Denkgewohnheiten nachteilig wirken. Immer dann, wenn wir das gewohnte Terrain verlassen und neue ungewohnte Ideen nutzen möchten. Genau für diese Situationen sind Kreativitätstechniken entwickelt worden. Sie geben uns die Möglichkeit in hilfreichem Maße auf die unbegrenzte Power unserer Kreativität zugreifen zu können.

Kreativitätstechniken sind hilfreich, wenn für neue, bisher nicht gelöste Probleme und nicht beantwortete Fragestellungen Ideen und Lösungen gefunden werden sollen, sie helfen z.B.:

  • die Fragestellungen genauer zu präzisieren
  • die Anzahl erlaubter Ideen zu erhöhen
  • neue bisher unerlaubte Ideen zuzulassen
  • Gedankliche Blockaden aufzulösen
  • Problem- und Lösungsräume zu erweitern
  • Suchrichtungen zu erweitern
  • Geisteskraft freizugeben
  • neue, bisher noch nicht gedachte Lösungen zu finden
  • Gruppen bei der Ideenfindung
  • den Ideenfluss Einzelner für die gesamte Gruppe nutzbar zu machen
  • zurückhaltende Gruppenmitglieder zur Beteilung am Kreativitätsprozess zu aktivieren

Regeln für den Kreativitätsprozesses

Zum genaueren Verständnis sollte beachtet werden, dass die meisten Kreativtechniken sind für die Anwendung in Gruppen konzipiert wurden. Sie können aber in der Regel auch von Einzelpersonen angewendet werden. Gruppen bieten den Vorteil, dass in ihnen eine große Zahl und eine große Vielfalt von Lösungsideen zur Verfügung stehen. Eine kreative Gruppe sollte daher eine Vielfalt unterschiedlicher Erfahrungen bieten und heterogen zusammengesetzt sein. Gruppen haben leider auch die Eigenart, dass sie die Individualität des Einzelnen hemmen, quasi einen Konformitätsdruck auslösen.

Die einzelnen Techniken haben alle ihre Stärken und Grenzen. Unabhängig davon, welche speziellen Kreativitätstechnik eingesetzt werden soll, sind bedeutende Regeln des Kreativitätsprozesses zu beachten:

1. Nutzen Sie bestehende Informationen: Neue Ideen entstehen vermutlich aus der Verknüpfung bestehender Information.

2. Menge statt Güte: Je mehr Ideen für die Auswahl zur Verfügung stehen, desto größer ist die Chance, eine noch bessere Idee zu finden.

3. Perspektive wechseln: Mehrere Perspektiven, Rollen, Funktionen und Personen erhöhen den kreativen Freiraum und erweitern den Blick auf das Ganze.

4. Distanz schützt vor Blindheit: Schaffen Sie Abstand, damit sie den Wald trotz vieler Bäume sehen können.

5. Vorschnelle Urteile bremsen Kreativität: Viele Ideen werden zu früh verworfen. „Verrückte“ Ideen enthalten oftmals wertvolle Denkanstöße.

Killerphrasen“ zerstören Kreativität. Meiden Sie daher folgende Aussagen:“Das klappt doch nie!““Das ist doch reine Theorie“Das haben wir noch nie gemacht!““Das ist viel zu teuer!“

Verschiedene Arten von Kreativtechniken

Es gibt eine Vielzahl von Kreativitätstechniken, deren Abwandlungen und Kombinationen. Naturgemäß finden einfachere und weniger aufwendigere Methoden mehr Anwendung. Vermutlich haben Sie schon einmal ein Brainstorming miterlebt, oder Ihre Ideen auf Karten geschrieben und gesammelt.
Die einfacheren, schnelleren und weniger aufwendigen Techniken zielen überwiegend darauf ab, freier als gewohnt zu denken, genauer gesagt zu „assoziieren“, d.h. zu verknüpfen. Darüber hinaus sollen Sie den Konformitätsdruck von Gruppen reduzieren, indem sie Ungewohntes erlauben und fordern.

 

Kreativtechniken – Ein paar Gedanken zum Abschluss

Worauf sollten Sie beim Einsatz der Kreativitätstechniken achten? Vor allem auf, dass sich Kreativität sich durch gute Stimmung anlocken lässt:

1. Machen Sie sich frei vom Kreativitäts-Druck, erlauben Sie sich eine spielerische Einstellung.Bringen Sie den Beteiligten ein paar wertschätzende Worte entgegen.Laden Sie zur angenehmen Stimmung ein: „Es darf Spaß machen!“

2. Achten Sie auf einen angenehmen Arbeitsrahmen, auf zeitlichen Abstand vom der letzten und anschließenden Meeting.Machen Sie vor und nach der kreativen Einheit eine Pause.Gehen Sie ein paar Schritte an die frische Luft, bevor Sie beginnen.

3. Alle Kreativitätstechniken bieten für die Beteiligten eine Menge Unerwartetes. Machen Sie die Beteiligten auf das Unerwartete aufmerksam, bevor es zu Verwirrung und Widersprüchen kommt. Laden Sie die Beteiligten ein, Unerwartetes als willkommene Anregung zu nutzen.

4. Kreativität verbraucht Energie. Achten Sie auf Pausen, z.B. zwischen den einzelnen Kreativitäts-Schritten.

5. Ergebnisse wollen gesichert sein, jede Idee oder Anregung, die sichtbar mitgeschrieben wird, wirkt auch als öffentliche Anerkennung.

6. Vor allem, sprechen Sie Ihre Anerkennung für die Ergebnisse aus, so bleibt der Prozess am laufen.

Grundsätzlich können Sie alle Kreativtechniken nutzen, z.B. die Anwendung der Technik des Clustering. Vielleicht möchten Sie diese Methode auch einmal mit der Methode der Reizworte verbinden, es werden schnell neue und unerwartete Ideen auftauchen. Freunden Sie sich auch mit den scheinbar aufwendigeren Methoden an. Die Umformulierungen und Analogien, wie sie z.B. die Synektik bietet, werden erstaunliche Lösungen aufzeigen. Machen Sie sich bei der Anwendung der Techniken vom Perfektionsdruck frei. Oft reicht es schon aus, einfach mit einer Methodik, spielerisch und ganz für sich alleine zu beginnen und schon stellen sich erstaunliche Ergebnisse ein.

Ich wünsche Ihnen viel Spaß dabei.

Wilfried Reiter


Impulse