Freund & Reiter - Werkstatt für Transformation

„Das ist ein ernst zu nehmendes Problem.“

Es gibt so vieles, was uns täglich runterzieht: unerreichbare Zielvorgaben, nörgelnde Kunden, der unfaire Mitbewerber, die dringenden Veränderungen, ungeduldige Chefs, die Wirtschaftsschwankungen, die unsicheren Renten, die korrupte Politik, die globale Erwärmung, der fordernde Partner, … So viele Probleme! Stimmt, diese Probleme sind jedoch nicht das eigentliche Problem. Gravierender ist, was wir – meist sogar gemeinsam mit anderen – daraus machen.

Wie reagieren die meisten Menschen auf ein Problem? Sie nehmen es ernst. Sie sind betroffen, beklagen das Problem, bestätigen sich gegenseitig den Ernst der Lage, spekulieren: „Wohin soll das noch führen?“ und entwerfen verbale Horrorszenarien: „Wenn das so weitergeht, geht alles den Bach runter!“

Wer lange oder intensiv über ein Problem spricht, versetzt sich in die sogenannte Problemtrance und hypnotisiert sich praktisch selbst. Die Wirkung dieser Selbsthypnose: Je länger Sie ein Problem ernst nehmen, desto größer wird das Problem, desto intensiver leiden Sie darunter und desto unlösbarer wird es. Wenn Sie ein echtes Killerproblem züchten wollen, müssen Sie eine Bagatelle lediglich für 24 Stunden nonstop richtig ernst nehmen. So macht man aus der sprichwörtlichen Fliege einen Elefanten. Psychologen sprechen von Problemkonstruktion: Probleme überfallen niemanden! Sie werden konstruiert.

Mangelnde Problemdistanz raubt Chancen

Je ernster jemand ein Problem nimmt, desto hoffnungsloser, bedrückender, belastender, stressiger und vor allem energieraubender wird es. Was dabei der menschlichen Batterie die Energie geradezu vampirhaft aussaugt, ist dabei nicht das eigentliche Problem, sondern schlicht das unangebrachte Ernstnehmen desselben! Manche Menschen steigern dieses Ernstnehmen bis in die Paranoia hinein, in der Weltuntergangsszenarien entworfen werden. Wohlgemerkt: Nicht das Problem bedroht dann die Welt, sondern das übertriebene Ernstnehmen. Dies ist ein gefährlicher Weg in Hilflosigkeit, Burnout und Depression.

„Beauty is always in the eye of the beholder – so are problems“, sagt ein amerikanisches Sprichwort. Schönheit entsteht im Auge des Betrachters – Probleme auch. Oder wie Spinoza sagte: Die Dinge des Lebens sind weder gut noch schlecht – erst der menschliche Geist macht sie dazu.

Wie schafft es unser Verstand, aus Problemfliegen Elefanten zu machen? Der menschliche Verstand funktioniert geometrisch: Je näher wir einem Problem sind, desto größer erscheint es uns. Wird eine kritische Distanz unterschritten, fällt der Problembetrachter in eine Problemtrance.

Transformation der Problemwahrnehmung

Die Erlösung daraus ist einfach: „Je größer ein Problem, desto größer sollte der Abstand zu ihm sein.“Je kleiner die Problemdistanz, desto größer das Problem. Je größer die Problemdistanz, desto kleiner das Problem. Oder wie ein anderes Sprichwort sagt: „Wer vor einem Ameisenhügel auf dem Bauch liegt, dem erscheint er wie der Himalaya.“ Wenn Sie ein Problem haben, legen Sie sich nicht auf den Bauch! Wechseln Sie lieber die Perspektive. Wie? Indem Sie sich innerlich Abstand verschaffen. Wie machen Sie das? Dafür gibt es viele Mittel. Einige finden Sie im Folgenden.

Das erste Abstandsmittel ist so kurz wie probat. Es stammt vom Philosophen Wittgenstein, der den denkwürdigen Spruch prägte: „Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst.“ Wir erkennen darin einen bewussten Wortverdreher der beliebten Nachrichtenfloskel „Die Lage ist ernst, aber nicht hoffnungslos.“ Wittgenstein brandmarkte diese Floskel als typisch für die zeitgeistige Problemtrance. Er meinte, dass selbst eine hoffnungslose Lage niemals ernst genommen werden dürfe – weil Sie sich damit lähmen.

Ein zweites Mittel, innerlich auf Abstand zu gehen, ist das aktive Bewusstmachen, was mit Ihnen geschieht: „Ich lasse mich gerade von der Problemtrance der anderen (Nachrichten, Kollegen, Zeitung, Marktberichte, …) anstecken. Ich jammere. Ich identifiziere mich mit dem Problem, anstatt es zu lösen oder zu ignorieren.“ Die Problemtrance ist ein unterbewusstes Phänomen. Wenn Sie es sich bewusst machen, verliert das Unterbewusste seine Kontrolle über Sie.

Eine drittes probates Mittel, mehr Abstand zum Problem zu bekommen die Abstandsfrage: Wie sehr bin ich tatsächlich von diesem Problem betroffen? Die meisten Menschen, die zum Beispiel in einer Problemtrance um die Sicherheit der Renten gefangen sind, haben rein faktisch betrachtet nichts zu befürchten: Ihre Renten sind sicher (weil sie bereits Rentenbezieher sind oder kurz davor stehen). Jene Menschen, deren Renten praktisch futsch sind, hört man selten jammern; nämlich die Jugend von heute. Hier wird das Wesen des Ernstnehmens von Problemen deutlich: Jene, die objektiv ein Problem haben, haben subjektiv keines und jene, die objektiv keines haben, stecken in der Problemtrance fest. Das ist nicht nur paradox, sondern auch tragisch.

Eine vierte Möglichkeit, den nötigen Abstand zu Problemen zu bekommen ist die Veränderung der Denkrichtung. Statt zu fragen: „Was ist das Problem?“ Fragen Sie z.B.: Wo könnten Lösungen lauern?Wer hat ein ähnliches Problem? Was ist eigentlich das Gute am Problem? Was könnte ich durch dasProblem lernen? Zugegeben, diese Fragen sind ungewöhnlich, aber sie verschaffen Abstand zum Problem und darum geht es.

Transformation der Problemsicht

Bravo. Wenn Sie Problemdistanz gewonnen haben, steigen Ihre Lösungschance deutlich. Genauer betrachtet steigern Sie die Chance, dass Sie die Problemsituation transformieren und sie zu einer Quelle von Chancen, Möglichkeiten und positiver Entwicklung machen.

Wenn Sie ausreichend Abstand zum Problem gewonnen haben könnten Sie fragen z.B.: Was wünsche ich mir? Was wäre mein sehnlichster Wunsch in dieser Situation. Was wäre auch nur eine Kleinigkeit die ich für die Erfüllung dieses Wunsches tun könnte? Wer könnte mir helfen oder mirbeiseite stehen? Woran würde ich merken, dass die Situation vielleicht von selbst schon ein wenig besser geworden ist? Was wäre ein erster kleiner innerer Schritt, wie ich mir den Umgang mit der Situation erleichtern könnte?

Aber lösen diese Fragen das Problem? Nein, sie lösen jedoch das Haupthindernis bei der Problemlösung, dass man sich bei der Lösung selbst im Wege steht, Lösungsmöglichkeiten übersieht, an altem Denken festhält, eben das, was passiert, wenn man in die Problemtrance fällt. Und die Fragen ermöglichen Ihnen, liebevoller mit sich selbst umzugehen.

 

 


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